Für alle Jüngeren ;)

Girl Power

Dieser modische Begriff aus Popkultur und Medien soll das Selbstbewusstsein moderner Mädchen umschreiben. Ein Selbstbewusstsein, zu dem immer auch das Bewusstsein sexueller Anziehungskraft gehört. Doch ist das Phänomen wirklich so neu wie das internationale Schlagwort, das dafür gefunden wurde?

Vom Parfum mit Schokoduftnote bis zum hauchdünnen Bustier: In den USA haben Kosmetik- und Wäscheindustrie die Zehn- bis Zwölfjährigen längst als kaufkräftige Kundinnen entdeckt. Idole aus der Musikindustrie versorgen die Mädchen mit provozierenden Gesten, die perfekt zur aufreizenden Mode der Jugendlichen passen.

Doch vielleicht sind nicht nur Werbung und Popidole für die frühe Sexualisierung moderner Mädchen verantwortlich. Das Phänomen könnte auch biologische Gründe haben. Die Mädchen des frühen 21. Jahrhunderts empfangen nicht nur aus den elektronischen Medien sexuelle Nachrichten, sondern auch aus ihren eigenen Körpern. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Pubertät heute früher beginnt als je zuvor in der Neuzeit. Um 1900 hatten Mädchen ihre erste Regel meist mit etwa vierzehn Jahren. Heutzutage setzen die Monatsblutungen schon Jahre früher ein.


Pupertät schon im Kindesalter

Erst vor kurzem ergab eine Untersuchung des American Pediatric College, dass die Pubertät heute im Durchschnitt bei weißen Mädchen schon mit zehn, bei schwarzen sogar mit neun Jahren beginnt. Einem Alter, das für gemeinhin noch der Kindheit zugerechnet wird, und in dem sich Mädchen eher für Schokolade als für Büstenhalter interessieren sollten.
Lange vor der ersten Regelblutung beginnt die hormonale Aktivität im Körper junger Mädchen. Das Gehirn sendet Signale an die Eierstöcke, die daraufhin Sexualhormone ausstoßen. Diese Hormone sorgen dafür, dass sich die Brüste und die Schambehaarung entwickeln. Das Becken wird breiter. Diese körperlichen Veränderungen der Pubertät bereiten das Mädchen allmählich auf Geschlechtsverkehr und Mutterrolle vor.
Im Gegensatz zu den Mädchen, kommen die Jungen auch heute nicht früher in die Pubertät als vor hundert Jahren.


Ernährung führt zu frühen Pupertät

Noch hat die Wissenschaft keine umfassende Erklärung für das Phänomen der früher einsetzenden weiblichen Geschlechtsreife gefunden. Doch es gibt verschiedene Theorien.
Ein weiterer Grund für die Frühreife könnte die moderne Ernährung sein. Da sie sehr fett- und proteinreich ist, erhält das Gehirn eines jungen Mädchens die Nachricht, dass sein Körper bei guter Gesundheit ist und über alle Ressourcen verfügt, die zur Fortpflanzung gebraucht werden. Auch kindliches Übergewicht könnte ein Grund sein, weil durch die Fettreserven vermehrt Östrogene entstehen, weibliche Sexualhormone. Zudem verhalten sich einige Umweltgifte im menschlichen Körper wie Östrogene. Für die betroffenen Mädchen kann die beschleunigte Entwicklung allerdings unangenehme körperliche Folgen haben. Im Lauf der Pubertät wächst ein Mädchen um 25 Zentimeter und entwickelt 10 Kilo Fettgewebe. Vom Gewicht her ist das in etwa so, als würde dem Körper ein dritter Arm wachsen. Auch Jungen durchlaufen in der Pubertät eine ähnliche Entwicklung. Sie gewinnen dabei allerdings weniger an Fett als vielmehr an Muskelmasse und Knochen. Vor allem Mädchen empfinden jetzt eine schmerzhafte Diskrepanz zwischen ihrem Körpergefühl und dem Anspruch, dem Schlankheitsideal entsprechen zu müssen.

Der Aufbau von Fettgewebe vollzieht sich über einen längeren Zeitraum. Schon der Körper einer Achtjährigen beginnt, verstärkt Östradiol auszuschütten. Dieses zu den Östrogenen zählende Hormon sorgt dafür, dass sich vor allem an den Hüften und den Schenkeln Fettgewebe bildet. Auf diese Weise schafft die Natur schon jetzt die Reserven, die eine Frau im späteren Leben für das Stillen eines Kindes benötigt. Eine Frau, die stillt, verbraucht allein für die Produktion der Muttermilch täglich 500 Kalorien. Der menschliche Körper ist in der Lage, Kalorien für den Notfall zu speichern. Doch was einst für das Überleben des Menschen von größter Bedeutung war, stellt heute für eine Zwölfjährige nur noch eine Qual dar.


Mädchen oft überfordert

Die Therapeutin Sandra Friedman untersucht, wie die Veränderungen während der Pubertät sich auf das Selbstvertrauen der Betroffenen auswirken: "Die jungen Mädchen glauben, dass sie die Kontrolle über ihren Körper verlieren, aber das ist nicht der Fall. Doch eine Ungewissheit bleibt, denn es ist nicht möglich, das Ende der Pubertät vorherzusagen. Deshalb hat eine Jugendliche oft das Gefühl, sie müsse jeden Abend beten, dass ihr ihre Jeans am nächsten Morgen noch passt!" Wie andere Soziologen, kritisiert auch Buchautorin Wendy Shalit die Tatsache, dass junge Mädchen heute förmlich dazu angehalten werden, sich nicht nur sexy zu geben, sondern auch sexuelle Beziehungen einzugehen. Die Autorin antwortet darauf mit einer provozierend altmodischen Theorie: Die frühe Sexualisierung sei nichts als das Produkt unserer heutigen sexuellen Übersättigung, und eher ein Zwang als eine "biologische Normalität".

Im kanadischen Ontario versucht man in einer Ferienkolonie, die Mädchen gegen den gesellschaftlichen Druck zur Sexualisierung zu stärken. Verschiedenste Motivationsübungen sollen ihnen dabei helfen, Ängste zu überwinden. Die Soziologen vor Ort hoffen, dass sie dadurch den Teufelskreislauf aus fehlendem Selbstbewusstsein und verfrühter sexueller Aktivität durchbrechen können.