Zitat:


Überall ist zu lesen, dass die Jugendlichen der Neuzeit immer früher ihre körperliche Reife erlangen.Und bestimmt ist jedem von euch schon mal ein "sehr" junges paar über den weg gelaufen.



Ich möchte hier nicht für eine Änderung des Gesetzes eintreten oder eine Propagierung allzu früher sexueller Erfahrungen betreiben, sondern lediglich mit dem tatsächlich überall zu lesenden, aber dadurch keineswegs richtiger werdenden Vorurteil aufräumen, dass Jugendliche heute generell früher Sex hätten als in der Vergangenheit. Im Deutschen Reich vor 1871 waren Mädchen schon mit 12, Jungen mit 14 Jahren ehemündig - die Konsequenz lässt sich relativ leicht denken. Tatsächlich dürfte also heute - gerade wenn man sich auch die Statistiken anschaut - das Eintrittsalter in die "Sexualität" eher höher liegen als vor 3000, 1000, 500 oder auch 200 Jahren. Es mag stimmen dass in den vergangenen Jahrzehnten eine erneute Senkung des Alters beim "ersten Mal" stattgefunden hat. Doch war diese nur möglich, weil überhaupt erst vor 150 Jahren das "Phänomen Kindheit" als solches thematisiert wurde und man die Sexualität aus diesem Abschnitt des Lebens ausklammerte - mithin also dafür sorgte, dass die Altersgrenze nach oben schnellte. All die Jahrhunderte zuvor galten die Altersgruppen, die wir heute als Kinder bezeichnen und die heute unglaublich lange - bis zu einem Zeitpunkt, in dem sie im Mittelalter aufgrund der niedrigeren Lebenserwartung im Zweifelsfall schon ihr halbes Leben hinter sich hatten - von ihren Eltern um- und versorgt werden, als kleine Erwachsene - was natürlich in unseren Augen heute Situationen herbeigeführt hat, über die wir - zu recht - nur den Kopf schütteln und die wir sicher auch vermehrt als Kindesmissbrauch bezeichnen würden. So besteht kein Zweifel daran, dass die heutige Auffassung der Kindheit als einem unbedingt zu schützenden Lebensabschnitt mit Sicherheit die bessere und entwicklungspsychologisch angemessenere ist, weswegen man auch die gesetzlichen Bestimmungen nicht lockern sollte, gleichwohl ich das aus der oben verlinkten Tabelle ersichtliche Modell aus der Schweiz aufgrund der fließenderen Übergänge und der Verhinderung der aus unserer Rechtslage möglicherweise entstehenden Bedrängnisse (eben wenn einer der beiden Partner einer der jeweiligen Altergrenzen überschreitet und somit quasi dem Alter entwächst, in dem er mit seinem Partner Sex haben dürfte) für besser erachte.

Aber rein statistisch gesehen ist die Behauptung, Jugendliche hätten immer früher Sex und die Paare würden immer jünger, vollkommen unangemessen und schlichtweg historisch falsch. Wer heute im Kino zum ersten Mal schüchtern nach der Hand seiner Sitznachbarin tastet, wäre im Deutschland des beginnenden 19. Jahrhunderts zumeist schon verheiratet - und in einem Großteil der Welt wäre er es auch heute schon.

Quordelplien
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"In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am anderen." (Christian Morgenstern)