Die Meinungen zu dem Thema gehen stark auseinander. Die einen finden, dass Scholz' Haltung angemessen war, denn immerhin wurde das Staatsoberhaupt ausgeladen. Die anderen finden, man sollte drüber stehen, weil die Ukraine eine schwere Zeit durchmacht. Ich finde, dass gerade Politiker, die nicht mit der Waffe um ihr Leben kämpfen, sondern wie alle anderen Politiker auch debattieren, sich trotz des Krieges an den üblichen Umgangston halten können und Staatsoberhäuptern anderer Länder angemessenen Respekt entgegenbringen. Wer hat denn die beleidigte Leberwurst gespielt, die zur Ausladung des Bundespräsidenten führte?

In deinem Artikel finde ich fatal, dass sie meint, dass es nicht reiche, zu sagen, dass es ein Fehler war. Ich glaube, die Vizeregierungschefin hat vergessen, was Deutschland für die Ukraine tat und tut. Der Westen hat durch die Ausbildung ukrainischer Soldaten an westlichem Gerät auf deutschem Boden einen Kriegseintritt riskiert (oder Lambrecht war einfach zu dämlich, im Völkerrecht nachzulesen). Natürlich war es zu früheren Zeitpunkten eine theoretische Möglichkeit, dass Putin so weit gehen könnte, aber hellsehen können auch wir nicht. Ihre Äußerungen wirken so, als mache sie uns für den Krieg in der Ukraine verantwortlich. Und uns subtil Geldgier zu unterstellen finde ich etwas unverschämt, denn auch ihr sollte klar sein, dass die deutsche Innenpolitik zur Aufgabe hat, einen sozial angemessenen Standard für die deutsche Bevölkerung sicherzustellen. Genauso müssen wir einfach mal nebenbei mit einer weiteren Flüchtlingskrise klarkommen, was viele Deutsche zum Glück gerne machen. Deutschland sprach sich sogar (was ich selbst nicht wollte) für ein Öl-Embargo aus - trotz Corona, Inflation und Investitionen in die eigene Sicherheit. Sogar Waffen (und sogar schwere) wurden, jetzt mal unabhängig vom damit verbundenen Risiko, den Kosten und der Kritik, trotz Rechtmäßigkeit geliefert, denn es ist nach wie vor so, dass keine Waffen in Krisengebiete geliefert werden. Aber uns geht es nur um Geld.

Und den Schuldvorwurf finde ich auch deshalb unverschämt, weil man sich einfach nur mal vor Augen halten muss, was die Ukraine in der Vergangenheit so als Vorhaben und Ideen preisgab. In diesem Artikel kann man sich wunderbar daran erinnern, dass die Ukraine damals mit der Wiederbeschaffung von Atomwaffen drohte, wenn die NATO sie nicht alsbald als Mitglied aufnimmt. Könnte das vielleicht Putin provoziert haben? Wenn es also nach ihr geht, dann trägt die Ukraine ebenfalls die Schuld, denn diplomatisch geschickt war das nicht. Genauso die USA (der sie keine Vorwürfe zu machen scheint), denn es war Bush 2008, der der Ukraine die NATO-Mitgliedschaft anbot - ohne Plan zur Umsetzung und es war damals schon klar, dass Putin das nicht gefallen würde. Unter anderem Angela Merkel hat sich gegen die Aufnahme der Ukraine in die NATO ausgesprochen, um Moskau nicht zu provozieren. Es wurden Fehler in der Vergangenheit gemacht, auch seitens Deutschland und das wurde auch eingeräumt, aber hier nun andere und nicht Putin für den Krieg verantwortlich zu machen, halte ich für Unsinn.

Ich zitiere mal aus deinem Artikel:

Zitat:
„Und wir haben das Recht, mehr zu fordern – mehr Waffen, Diplomatie, Wirtschaftssanktionen und ein vollständiges Embargo gegen russisches Gas und Öl.“


Und wir haben das Recht, uns dafür oder dagegen zu entscheiden. Deshalb verstehe ich auch nicht, was diese Aussage soll. Dass die Ukraine all dies braucht, sollte eigentlich jedem bewusst sein. Sie brauchen auch eine Flugverbotszone, bestenfalls eine Generalmobilmachung aller NATO-Mitglieder zum Einsatz in der Ukraine und Geld braucht man sowieso immer. Das bedeutet noch lange nicht, dass man all dies auch bekommt.

Deshalb ist es meiner Meinung nach eine Frechheit von der Vizeregierungschefin, solche Aussagen zu tätigen. Selbstverständlich kämpfen die Menschen dort um ihr Leben und selbstverständlich sollen sie jede Hilfe bekommen, die wir leisten können. Aber es sollte das Mindeste sein, dem Staatsoberhaupt nicht aufgrund vergangener Fehler ablehnend gegenüberzustehen. Bei Gerhard Schröder würde ich es verstehen, wenn die Ukraine kein Bock auf den hat. Der hat mit Deutschland auch nicht mehr viel am Hut.


Bearbeitet von its good (04.05.2022, 19:03:16)
Bearbeitungsgrund: Redundanz entfernt
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Wer sich in einer Diskussion auf seine Autorität beruft, gebraucht nicht den Verstand, sondern das Gedächtnis.
Leonardo da Vinci (1452-1519)