Antwort auf: tobo74
Und wenn wir zulassen, dass Putin auch nur eines seiner Kriegsziele erreicht, dann wäre das ein extrem schlechtes Zeichen, Dann hat Europa und der Westen ein für allemal jeglichen Glaubwürdigkeitsbonus verspielt.


Das müssen wir sogar zulassen, denn ohne einen Teilsieg kann der Krieg nicht enden. Im Sinne aller Menschen in den Gebieten muss es zugelassen werden oder soll der Krieg noch viele Jahre gehen? Putin muss Kriegsziele erreichen und das weiß auch die Ukraine, sonst wäre sie nicht bereit, auf einige Forderungen des Kremls einzugehen. Mit dieser Einstellung kann der Krieg nicht enden. Und ebenso frage ich mich, was die Glaubwürdigkeit Europas bzw. des Westens damit zu tun hat. Der Westen hat nie zugesichert, dass Putin seine Ziele nie erreichen wird. Der Westen hat der Ukraine Hilfe zugesichert und die kommt auch an. Die Ukraine bekommt sehr viel Unterstützung. Sicher, in den Augen mancher nicht alles, was irgendwie denkbar wäre (z. B. eine Flugverbotszone), aber ebenso so viel, wie man geben kann.

Antwort auf: tobo74
Und spinnen wir die Horrorstory noch ein bissel weiter und in 2 Jahren wird ein gewisser D. Trump wiedergewählt, der sich dann hinstellt und sagt: " Ihr in Europa macht euren Scheiß in Zukunft alleine"... dann ist der Weg frei für noch ganz andere Sachen. Dann wäre die Wirtschaft unser kleinstes Problem.


Der muss nun erst mal ordentlich zahlen. Ich glaube noch nicht daran, dass er je wieder eine Chance auf die Präsidentschaft hat. Allerdings kann es passieren, dass einer gewählt wird, der die gleichen Ansichten wie Donald hat. Angela Merkel sagte damals schon, dass wir uns nicht mehr vollends auf die USA verlassen können. Biden hingegen fährt einen komplett anderen Kurs als Trump und versichert, dass die USA ein verlässlicher Partner sind. Es hängt also stark davon ab, welche Partei den Präsidenten stellt und wer genau ins weiße Haus einzieht - das Problem aller Demokratien. Man weiß nie, wer gewählt wird und die Sicherheit über den Kurs der Regierung kann, wenn überhaupt, über die Dauer der Legislaturperiode garantiert werden. Ich sehe es auch so, dass Europa deutlich mehr für die eigene Sicherheit tun muss und das sieht man im Bundestag genauso, ansonsten hätte man keine 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr und zukünftig mindestens 2% des BIP für die Aufrüstung zugesichert.

Antwort auf: Kev777
Wer glaubt Russland militärisch zum Rückzug zu bewegen der scheint wirklich träumend durch die Welt zu tanzen.
Aktuell bezweifle ich das die Ukraine dazu in der Lage sein wird Russland aus dem Land zu vertreiben. Dann hätten sie das nämlich schon 2014 bei der Krim gemacht.
Wie gesagt, Russland ist militärisch leider noch lang nicht am Ende. Also wer den Konflikt militärisch beenden will muss sich auf noch viele Jahre krieg einstellen.
Und wie du schon festgestellt hast führt auch Europa und USA krieg mit Russland, nur eben Wirtschaftskrieg. Und auch darauf sollte man sich dann einstellen.


Wie auch der Kreml gehst du offenbar von reinen Zahlen aus. Genau dieses Denken führte dazu, dass der Kreml sich hinsichtlich der Durchführung des Angriffskriegs extrem verkalkuliert hat. Entgegen der Erwartungen konnte Kiew nicht eingenommen werden. Genauso verhält es sich mit Odessa. Diese Stadt wird seit Wochen bombardiert, ist allerdings noch immer nicht gefallen. Dann gab es einige Rückeroberungen seitens der ukrainischen Streitkräfte. Dieser Krieg wird sich lange hinziehen, wenn es zu keinem Friedensvertrag kommt. Es wird ein ständiges Tauziehen geben, wie man schon jetzt ganz gut erkennen kann. Russland ist der Ukraine in Sachen Ausrüstung zahlenmäßig natürlich überlegen. Wenn man sich aber die aktuellen Beschlüsse zur Lieferung schwerer Waffen anschaut, dann sollte einem klar sein, dass das die Situation für den Kreml nicht gerade vereinfacht.

Russland verfügt über 850.000 aktive Soldaten, die Ukraine über 200.000. In der Ukraine werden aber auch Reservisten tätig, sie bekommt Hilfe von ausländischen Kämpfern und auch die große Teile der Bevölkerung verteidigen ihr Land. Allein deshalb ist die plumpe Sicht in Zahlen zu den Streitkräften fragwürdig. Kriege werden meines Wissens nach nicht mehr wie im Mittelalter geführt, in denen sich die Soldaten alle auf einem großen Feld gegenüberstehen und aufeinander zureiten. Es werden Kompanien und Bataillone gebildet, taktische Offensiven gestartet und gerade -wie Gorean anmerkte- sind Partisanen dafür bekannt, den Gegner zu zermürben und mit kleinen Stößen massiv zu schaden. Das zeigen diverse historische Auseinandersetzungen, in denen als Zivilist getarnte Kämpfer kleine, aber effektive Operationen durchführten. Selbst die Ninjas damals waren dafür bekannt. Und wie die Nachrichten zumindest behaupten (keine Quelle kann unabhängig geprüft werden), scheint das Ganze für die Ukraine doch recht erfolgreich zu verlaufen. Das Ziel Kiew hat der Kreml, wie es scheint, aufgegeben. Die Truppen formieren sich um die Donbass-Region neu und versuchen es dort. Zu deinem Argument, dass man das ja auch hätte bei der Krim machen können: Die Situation damals ist ja wohl eine ganz andere als jetzt, denn nun ist die ganze Ukraine von der Aggression des Kremls betroffen, die Menschen kauen auf dem Zahnfleisch, haben kaum Wasservorräte, alles wird knapp und Zivilisten werden regelrecht hingerichtet.

Der nächste Punkt ist die Motivation, die in deinen Überlegungen wohl keinen Platz fand, aber nicht gerade zu unterschätzen ist. Es macht einen großen Unterschied, ob man ein Land angreift, weil das irgendwer sagt oder, ob man sein Vaterland, seine Heimat, die Familie, Freunde und Bekannte oder schlicht die Identität verteidigt. Die Moral der Ukrainer ist groß, was auch kein Wunder ist, denn sie müssen sich gegen den Aggressor verteidigen. Umgekehrt gilt das nicht. Kein russischer Soldat verteidigt in der Ukraine seine Heimat. Die meisten von ihnen glauben, dass sie die Ukraine befreien würden. Umso wichtiger ist es für die Ukraine, dass die Wahrheit bekannt wird und noch mehr russische Soldaten desertieren.

Es ist offensichtlich, dass Putin es sehr schwer haben wird, im Fall seines Erfolgs die Bevölkerung nach seinen Vorstellungen zu unterwerfen und zu kontrollieren. Die Menschen in der Ukraine verachten ihn für das, was er tut. Selbst russisch-stämmige Menschen in der Ukraine sind gegen den Krieg, obwohl sie zuvor sehr pro-russisch eingestellt waren. Die Meinung dort hat sich radikal verändert, seit dem die Massaker in Butscha stattfanden. Psychologisch glaubt Putin offenbar, dadurch die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen, erreichen wird er aber das genaue Gegenteil, wie zuvor auch beim Thema NATO-Osterweiterung. Die Ostflanke wurde verstärkt und in Finnland und Schweden werden Stimmen zum Beitritt so laut, dass heftig darüber debattiert wird, was dem Kreml ebenfalls nicht gefällt.

Aus diesen Gründen ist sich kein General (mit Ausnahme von dir) sicher, dass der Kreml diesen Krieg gewinnen wird. Der Ausgang ist völlig offen. Man weiß auch nicht, wie weit Putin gehen wird. Man weiß nicht, ob er andere Waffenkategorien gegen sein "Brudervolk" einsetzen würde. Auch die Sanktionen setzen ihm zu (ja, ich weiß, dass die russische Wirtschaft noch intakt ist). Durch den Krieg hat der Kreml außen- und innenpolitisch viel zu stemmen. Zunehmend mehr muss über die sog. "Spezialoperation" der russischen Öffentlichkeit erklärt werden, weil irgendwann selbst dem dümmsten Menschen der Welt auffallen dürfte, dass die ziemlich lange dauert und die Kosten und Opfer aus den eigenen Reihen immer höher werden. Ich glaube, der Mehrheit der russischen Bevölkerung scheint es wie der Deutschen zu gehen: Der Krieg ist eine schreckliche Tragödie, aber die eigenen Bequemlichkeiten möchte man auch nicht aufgeben, also folgt man dem Kurs, denn in den Knast will man auch nicht. Für die Russen geht es um die eigene Existenz, wenn sie die Aktivitäten des Kreml nicht hinnehmen. Bei uns geht es zwar nicht darum, dass wir irgendeinem Kurs folgen müssen, sehr wohl aber darum, dass wir unsere Bequemlichkeiten gerne behalten würden.

Insgesamt ist es offen, ob die Ukraine in der Lage ist, die Truppen des Kreml zum Rückzug zu bewegen. Niemand hier weiß, wann und wie der Konflikt enden wird. Ein Kompromiss würde den Konflikt meiner Meinung nach vorzeitig beenden und viele potenzielle Todesopfer auf beiden Seiten retten. Außerdem würde er die internationalen Spannungen etwas reduzieren und man könnte die Energie dafür verwenden, solche Konflikte zukünftig besser zu vermeiden. Putin als Kriegsverbrecher und Völkermörder vor den internationalen Strafgerichtshof zu stellen klingt ja erst einmal vernünftig. Die Frage ist dann aber, wie man das durchsetzen möchte. Und ändert man damit denn wirklich etwas? Ich glaube kaum, dass sein Nachfolger, der sicher seinem Kurs folgte, großartig anders handeln würde. Und was ist dann mit den USA? Es ist nachgewiesen, dass US-Truppen im Irak Kriegsverbrechen begangen haben und harmlose Zivilisten mit Drohnen beschossen. Dafür soll dann aber keiner vor dem internationalen Gerichtshof gestellt werden? Stattdessen wurde die Whistleblowerin des US-Militärs ins Gefägnis gesteckt und "großzügig" wie Obama war, wurde sie dann vorzeitig aus der Haft entlassen. Wenn ein internationales Recht Gültigkeit haben soll, dann aber auch für alle.

Antwort auf: Tepesch
Antwort auf: tobo74
Ich persönlich schäme mich dafür, dass wir aus Angst um unsere Wirtschaft Massenmorde in der Ukraine mitfinanzieren.

Schämen sollte man sich dafür, dass die EU erst die Waffen für die Morde liefert und mit dem Krieg Geld verdient.


Meines Wissens nach wurden zuletzt Waffen aus dem Bestand der Bundeswehr geliefert und Lieferungen alter DDR-Waffen freigegeben. Geplant sind weitere Waffenlieferungen, allerdings zunehmend direkt aus der Rüstungsindustrie. Die Bezahlung soll wohl teilweise durch den Bund selbst, durch die EU und auch durch die Ukraine erfolgen, so wie es eben möglich ist. Diese büroktatische Angelegenheit soll aber offiziell nicht entschieden sein. Bezahlt werden müssen sie ja irgendwie. Eine sehr bürokratische Frage, aber deine Aussage klingt so, als wüsstest du mehr, wenn du der EU eine Gewinnabsicht unterstellst. Bekannt ist, dass die Ukraine jede Menge Hilfsgelder bekommt, allgemein Geld braucht und sicher ist auch, dass es nicht gerade gut ankäme, wenn man der Ukraine diese Lieferungen mangels Zahlkraft nicht gewährt. Wäre super, wenn du deine detaillierten Informationen zu den Waffenlieferungen mit uns teilst.
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Wer sich in einer Diskussion auf seine Autorität beruft, gebraucht nicht den Verstand, sondern das Gedächtnis.
Leonardo da Vinci (1452-1519)