Ich sehe das etwas anders. Die Ukraine hat durchaus Chancen, wenn Putin nicht bereit ist, bis zum äußersten (hinsichtlich der Waffengattungen) zu gehen. In der Ukraine lebten rund 20 Millionen Männer und rund 23 Millionen Frauen. Alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. Viele Menschen in der Ukraine sind bereit sich zu verteidigen und hoch motiviert. So stellen sie z. B. aktiv Waffen des kleinen Mannes her, werden vom Staat ausgerüstet und es werden weiterhin Waffen in die Ukraine geliefert. 2020 hatte die Ukraine rund 209.000 aktive Soldaten und rund 900.000 Reservisten. Aktuell sind keine 100.000 russischen Soldaten in der Ukraine, d. h. Putin hat noch einen Puffer an den Grenzgebieten. Zu glauben, dass die Ukraine nun über 200.000 + 900.000 Soldaten verfügt ist in meinen Augen eine Milchmädchenrechnung, denn der enorm hohe wehrwillige Bevölkerungsanteil wurde unterschätzt und dieser Punkt wurde wohl auch von Putin nicht berücksichtigt. Erinnert man sich an die Zeit im Vietnamkrieg oder an die sowjetische Intervention in Afghanistan, dann sollte eigentlich klar sein, welche Bedeutung die Motivation der dort lebenden Menschen hat. Für Putin wird das bedeuten, dass die Ziele bzw. der Feind immer schlechter erkennbar sein wird. Steht man nun vor einem Zivilisten oder vor einem Widerstandskämpfer, der aussieht wie ein Zivilist? Die Zivilbevölkerung kann auf diese Weise versteckt militärische Operationen durchführen, was man gemeinhin als Guerilla-Krieg bezeichnet. Ich glaube nicht, dass die Ukraine schon abgeschrieben werden sollte und ebenso wenig, dass der Krieg wenige Tage (wie es zu Beginn noch hieß) oder wenige Wochen gehen wird. Und dann wird auch klar, warum Selenskyj die Bevölkerung zum Widerstand auruft. Je länger der Krieg dauert, desto erdrückender wird die Situation für Präsident Putin. Es gibt zunehmend mehr Aufstände in der russischen Bevölkerung, die sich gegen den Krieg stellt (gestern gelesen, dass 3200 menschen verhaftet wurden), die Wirtschaftsspitze wird ein Ende fordern, weil sie schlicht Geld verliert, russische Staatsbeamte zweifeln zunehmend an der Entscheidung des Präsidenten (was einige schon vorher taten) und es gibt zunehmend Aufrufe in Russland, sich gegen Putin zu stellen. Alle staatlichen Zensurversuche sind zum Scheitern verurteilt. Die Sperren bestimmter ausländischer Webseiten wird die russische Bevölkerung nicht davon abhalten, auch westliche Informationen zu erhalten. Ebensowenig wird das Verbot der Wahrheit die Menschen in Russland dauerhaft unterdrücken. Die Wahrheit findet ihren Weg. Genauso werden zurückkehrende russische Soldaten berichten, was in der Ukraine wirklich vor sich geht. Je länger der Krieg andauert, desto mehr Opferzahlen muss Putin verschweigen, die die russischen Staatsbeamten und die Bevölkerung schockieren bzw. zu einem Umdenken bewegen könnten. Meines Wissens nach ist Putin gesetzlich nicht zur Offenlegung dieser Zahlen verpflichtet, solange Russland sich nicht offiziell im Krieg befindet. Trotzdem gab es angebliche Opferzahlen auf russischer Seite. Man darf also davon ausgehen, dass diese tatsächlich weit untertrieben sind. Will Putin also weiter Präsident bleiben, dann heißt es für ihn, dass er die Situation in der Ukraine schnellstmöglich beenden muss und das auf eine Weise, die ihn als eine Art Gewinner darstellt. Ansonsten ist aufgrund des Drucks von allen Seiten sein politisches Ende vorprogrammiert. Leider glaube ich deshalb auch, dass es keinen Friedensvertrag geben wird. Die Ukraine wird nicht bereit sein, das wofür sie kämpfen vertraglich aufzugeben. Putin hingegen wird nicht von seinen enormen Forderungen abweichen, weil er ansonsten nicht als Gewinner aus diesem Krieg hervorgehen kann, wenn er Zugeständnisse macht. Er wird sein Ziel um fast jeden Preis erfüllen wollen.

Er hatte die Entscheidung, wie er in die Geschichte eingehen möchte. Nach Gorbatschow hatte er die Möglichkeit, Russland weiter an den Westen anzunähern. So sprach er in deutscher Sprache im deutschen Bundestag und es war abzusehen, dass es zu dieser Annäherung kommen wird. Diese historische Annäherung wäre Russlands größter Beitrag zur Sicherheit in Europa gewesen. Nun verfolgt er einen Kurswechsel um 180 Grad und wird wohl als derjenige in die Geschichte eingehen, der dem Land Russland enormen wirtschaftlichen Schaden brachte, die Bevölkerung erneut in einen europäischen Krieg führte (gegen das Brudervolk) und diesen möglicherweise als Verlierer verließ. Lang andauernde weltweite Ächtung Russlands könnte die Folge sein. Für ihn selbst wäre es wohl klüger gewesen, den zuerst erwähnten Weg zu wählen. Statt eines Schritts in Richtung Zukunft erlebt man nun einen Schritt in Richtung Vergangenheit, was an sich schon jämmerlich ist. Liegt wohl auch ein Stück weit an den konventionellen Werten, die noch immer gelten, und an dem völlig veralteten Weltbild von Ost gegen West. Tatsächlich war auch ein NATO-Beitritt Russlands im Gespräch. Man wollte aber zuerst, dass Russland demokratisch wird. Inzwischen frage ich mich, ob diese Entscheidung vielleicht verfrüht war. Ein Bündnis mit Russland hätte wohl dazu geführt, dass Russland und westliche Staaten den jeweils anderen nicht mehr als Gegner betrachten. Eine Auswirkung auf die Sicherheit Europas hätte eine solche Entscheidung mit Sicherheit gehabt. Ich verstehe ja, dass die EU für einen Betritt Bedingungen an die Innenpolitik eines Landes stellt. Ich frage mich, ob es im Fall eines Zweckbündnisses unbedingt notwendig ist, einem Land die Innenpolitik vorzuschreiben. Letztendlich wird das mit der Türkei ja auch nicht gemacht (zumindest nicht, wenn es um die NATO-Mitgliedschaft geht).

Antwort auf: tobo74
Und ich bin auch überzeugt davon, dass es für Putin bei der Ukraine noch nicht vorbei ist. Georgien, Moldova, Finnland... da steht noch einiges auf dem Speiseplan. Und mir gefällt das nicht.


Das sehe ich etwas anders. Bei Ländern wie Finnland kann das durchaus möglich sein und wäre auch im Interesse Putins, denn aus seiner Sicht gilt es zu verhindern, dass sich weitere Länder der NATO anschließen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Putin vor der Grenze des NATO-Gebiets halt machen wird. So wurde beispielsweise ein Kanal erstellt, der eine Kommunikation zwischen den USA und der Russischen Förderation im Notfall ermöglicht. Zu Zeiten des Kalten Krieges kam es immer wieder zu versehentlichen Zwischenfällen, die zu einem direkten Konflikt zwischen den Parteien Russland/Sowjetunion und USA hätten führen können. Dessen sind sich beide Länder bewusst. Diesmal hat man also eine Kommunikation aufgebaut, da es im Interesse beider Seiten ist, einen solchen Zwischenfall zu vermeiden. Dem würde man sich nicht anschließen, wenn man wirklich so auf Krawall gebürstet ist, dass einem ein globaler Konflikt egal wäre. Politisch hat man dadurch eine Karte aus der Hand gespielt. So wissen die USA, dass Russland diese Grenze nicht überschreiten möchte. Ein weiterer Punkt sind die modernen Kernwaffen. Jeder Sprengsatz ist den damaligen Bomben von Hiroshima und Nagaski um ein Vielfaches überlegen und die modernen Interkontinentalraketen tragen mehrere solcher Sprengsätze gleichzeitig. Die Staatsoberhäupter/Regierungschefs sind sich sehr wohl über die Auswirkungen solcher Waffen für die eigene Bevölkerung und die eigene Familie im Klaren. Ein solcher Konflikt würde Putin nicht weiter bringen. Was bringen ihm irgendwelche Grenzverschiebungen oder gewonnenen Kriege, wenn all diese Gebiete in Schutt und Asche liegen, keine Bevölkerung dort mehr existiert und die Gebiete radioaktiv verseucht sind? 1986 gab es die Katastrophe in Tschernobyl. Die Auswirkungen sind bis heute erkennbar. Die Strahlungsbelastung ist noch immer sehr hoch. Die Nachbarstadt Prypjat ist eine Geisterstadt geworden. Dort lebt niemand mehr. Nun braucht man kein Hellseher sein, um zu erahnen, was nach einem nuklearen Angriff geschehen würde, dessen Auswirkungen deutlich schlimmer sein werden (was die Katastrophe in Tschernobyl keinesfalls verharmlosen soll). Deshalb bin ich sicher, dass Russland NATO-Grenzen nicht überschreiten wird. Und letztendlich stellt sich auch die Frage, wie Putin eine weitere Invasion verwirklichen könnte. Der Ukraine-Konflikt wird meiner Einschätzung nach noch andauern und jede Menge Geld verschlingen. Hinzukommen die heftigen Sanktionen gegenüber Russland. Je länger der Konflikt dauert, desto größer werden die Auswirkungen der Sanktionen sein. Diese sollen Putin nicht nur zu einem Umdenken bewegen, sondern letztendlich auch finanziell davon abhalten, in weitere Staaten einzumarschieren. Entweder dadurch, dass er keine weitere Sanktion riskieren will oder, weil ihm schlicht das Geld ausgeht. Genau deswegen sind die Sanktionen gegenüber Russland genau das Richtige. Hinzukommt die Tatsache, dass die NATO aufrüstet und Truppen in den Osten verlegt. Länder wie Deutschland rüsten massiv auf. Putin wollte Abstand zur NATO und hat durch seinen schwachsinnigen Einmarsch genau das Gegenteil erreicht. Ich bin mir sicher, dass mit den jüngsten Truppenbewegungen der NATO noch nicht Schluss ist. Die NATO wird sich darüber im Klaren sein, dass es zumindest aktuell schwierig wäre, Russland im Osten zu stoppen. Genauso wird Putin eventuell erreichen, dass im Osten Waffen stationiert werden, denn tatsächlich wird darüber aktuell diskutiert. Andere Länder denken über eine NATO-Mitgliedschaft nach und letztendlich haben auch die einzelnen NATO-Mitgliedsstaaten Verbündete. Der Westen steht zusammen und Putins Aktivitäten führen nur dazu, dass der Zusammenhalt wächst. Je nachdem wie weit Putin gehen will, wird der Krieg auch seine Auswirkungen auf das russische Militär haben. Und dann stellt sich auch die Frage, ob er überhaupt den Rückhalt genießen wird, um einen weiteren Angriffskrieg anzetteln zu können (man muss sich nur mal an das Ende Cäsars politischer Karriere erinnern). Und selbst wenn Putin bereit wäre, einen dritten Weltkrieg zu führen, so muss das noch lange nicht auf den Rest Russlands zutreffen. Es kann durchaus sein, dass ein Befehl dazu verweigert wird. Putin hat nur die Informations- bzw. Befehlsknöpfe bei sich, nicht aber den direkten Zugriff auf die Zündung atomarer Waffen. Gerade höhere Offiziere des russischen Militärs dürften sich über die Tragweite einer solchen Entscheidung im Klaren sein und ich bin mir sicher, dass auch die keinen globalen Krieg riskieren wollen. Genau genommen hat sich Russland sogar dazu verpflichtet, Kernwaffen nur als Abschreckung zu verstehen (was bisher ja auch immer der Fall war). Man weiß nur nicht, inwieweit Putin diese Verpflichtung respektiert. Auf der anderen Seite wäre es außenpolitisch in seiner Situation auch weniger sinnvoll, diesbezüglich mit offenen Karten zu spielen und zu sagen: "Diese Waffen würde ich nun aber auch nicht einsetzen." Natürlich sagt er dann, dass die Bereitschaft da wäre und genau das erlebt man aktuell.

Fazit: Ich denke, es ist noch viel zu früh, um die Ukraine abzuschreiben und von weiteren Invasionen Putins ausgehen zu können. Und noch viel weiter entfernt sind wir meiner Meinung nach von einer Beteiligung Deutschlands, einem dritten Weltkrieg oder gar einem Atomkrieg. So viel zu meiner Meinung.
_________________________
Wer sich in einer Diskussion auf seine Autorität beruft, gebraucht nicht den Verstand, sondern das Gedächtnis.
Leonardo da Vinci (1452-1519)